Ganz nah bei Dir

ganz-nah-bei-dirGanz nah bei Dir: Kritik
Ganz nah bei Dir ist ein schöner, zarter und poetischer Film über Außenseiter. Eine Thematik, der sich Getto gerne in ihren Filmen stellt. Dabei wird dieses Anderssein aber herrlich unpretentiös und unterhaltsam dargestellt, denn wie Getto nach der Premiere so treffend formulierte: “Irgendwann sind wir ja alle mal ein Außenseiter, irgendwo und irgendwie”.

Ganz nah bei Dir erzählt die Geschichte des introvertierten (und in diesem Fall ist introvertiert schon reichlich untertrieben) und soziopathisch angehauchten Phillip, der sich aus irgendwelchen Gründen von seinen Mitmenschen abgewandt hat.

Seine Logik ist die Folgende: “Je glücklicher man ist, desto schlimmer wird es, wenn das Glück aufhört.” Daher versucht Phillip konsequent, jedem Spass, Erfolgserlebnis oder Liebesglück aus dem Weg zu gehen. An dieser Maxime hält er auch noch fest, als er Lena Sommer begegnet, einer blinden Cellistin, die im Gegensatz zum schüchternen Protagonisten mit beiden Beinen im Leben steht. Das Happy End des Films allerdings steht auf wackligen Beinen: Phillip riskiert aufgrund seiner Angst vor dem Glücklichsein die Chance, richtig glücklich zu werden…

So. Wenn das mal nicht kitschig und vorhersehbar klingt. Und anfangs dachte ich das auch über den Film. Die erste Szene zeigt Phillip, der parallel zur Bettkante in seinem Bett liegt, seine Bettdecke in einem rechten Winkel zur Seite klappt als der Wecker ertönt und sich roboterhaft den Scheitel zur Seite legt, bevor er zu seiner Hemdenbügelmaschine geht (eine hervorragende Erfindung übrigens! verzweifelte, hemden-bügeln-hassende Anmerkung der Redaktion), um dann in das triste Grau seiner Heimatstadt abzutauchen. Klischee-Alarm! Doch Ganz nah bei Dir wartet mit zarten Zwischentönen auf, denen man den massiven Einsatz von Prototypen verzeihen kann. Sicherlich, die Charaktere sind massiv übertrieben: Katharina Schüttler als Lena Sommer macht ihrem Rollen-Namen alle Ehre und wandelt herzzereißend süß und wie ein Sonnenschein strahlend über die Leinwand. Dabei spielt sie ihre Blindheit aber derart überzeugend und technisch perfekt, dass das Süß-Sein verziehen werden kann. Die Tatsache, dass Lena einer alternden Cellistin vorspielt, die, warum auch immer, einen Arm verloren hat, wäre auch äußerst schwer zu verdauen, wenn die Verbindung der beiden Frauen nicht so herzlich dargestellt wäre, so dass man als Zuschauer denken kann: “Ehemalige Cellistin, jetzt einarmig und Alkoholikerin… puh… egal, ich mag’s trotzdem.”

Mein Fazit: Ganz nah bei Dir besorgt uns die Poesie mit dem Holzhammer. Aber das ist vollkommen in Ordnung, denn der Film ist einfach nur schön, macht richtig viel Spaß und ganz warm um’s Herz. Also: anschauen, es lohnt sich!

Ganz nah bei Dir
Regie: Almut Getto
Darsteller: Katharina Schüttler, Bastian Trost

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